Sanieren zwischen den Meeren ist anders. Wer in Schleswig-Holstein energetisch saniert, kämpft nicht nur gegen Kälte, sondern vor allem gegen Wind, Schlagregen und Salzluft. Das typische norddeutsche Klinkerhaus verzeiht dabei weniger Fehler als ein Bau im Binnenland.
Die energetische Sanierung ist der Schlüssel zum Werterhalt und zur Senkung der Betriebskosten. Doch die Komplexität bauphysikalischer Zusammenhänge wird oft unterschätzt. Wird das typische „Zweischalige Mauerwerk“ falsch gedämmt oder der Denkmalschutz eines Reetdachhauses ignoriert, drohen massive Bauschäden. Wir analysieren die häufigsten Fehler bei der energetischen Sanierung in Schleswig-Holstein und zeigen Lösungen.
1. Der „Klinker-Fehler“: Risiken der Kerndämmung
Ein Großteil der Bestandsgebäude in Schleswig-Holstein besitzt ein zweischaliges Mauerwerk (Klinkerfassade mit Luftschicht). Ein beliebter und günstiger Sanierungsschritt ist die Einblasdämmung (Kerndämmung) in diesen Hohlraum. Hier passieren jedoch oft entscheidende Fehler:
- Falsches Material: Wird Material verwendet, das nicht zu 100% wasserabweisend (hydrophob) ist, saugt sich die Dämmung bei starkem Schlagregen voll. Die Nässe brückt dann vom Klinker auf die Innenwand. Ergebnis: Schimmel und Frostschäden.
- Mangelnde Voruntersuchung: Oft befinden sich Mörtelreste (Mörtelbrücken) im Hohlraum. Wird einfach „blind“ eingeblasen, entstehen Kältebrücken.
Norddeutscher Experten-Tipp
Achten Sie auf Zertifizierungen für die Schlagregenbeanspruchungsgruppe III (Küstengebiete). Lassen Sie den Hohlraum vor der Maßnahme zwingend endoskopisch untersuchen. Hierbei helfen unsere Fachpartner: Energetische Sanierung Reihenfolge & Gewerke.
2. Fenster-Tausch ohne Lüftungskonzept
Die steife Brise ist in SH oft der natürliche Lüfter alter Häuser. Werden nun im Rahmen einer Sanierung hochdichte Fenster eingebaut, ohne die Fassade zu dämmen oder ein Lüftungskonzept zu erstellen, fehlt der Luftwechsel. Die hohe Luftfeuchtigkeit (im Norden oft generell höher) kondensiert an den nun kältesten Stellen der Wand (Laibungen).
In windreichen Gegenden muss zudem der äußere Fensteranschluss deutlich schlagregendichter ausgeführt werden als im Süden Deutschlands. Ein einfaches „Ausschäumen“ reicht bei der Windlast an der Küste oft nicht dauerhaft aus.
3. Sonderfall Reetdach: Ein bauphysikalischer Drahtseilakt
Rund 50.000 Reetdachhäuser prägen das Landschaftsbild in Schleswig-Holstein. Bei der energetischen Sanierung dieser Gebäude werden die gravierendsten – und teuersten – Fehler gemacht. Reet ist ein organischer Baustoff, der „atmen“ muss. Eine unsachgemäße Dämmung führt unweigerlich zur Verrottung des Daches von innen heraus.
Historisch waren Reetdächer „Kaltdächer“. Der Wind pfiff durch das Reet, Feuchtigkeit trocknete schnell ab. Durch den Ausbau zu Wohnzwecken wird daraus ein „Warmdach“. Der fatale Fehler: Die Unterbrechung der Hinterlüftung.
Das Problem der Tauwasserbildung
Dämmt man ein Reetdach (meist als Zwischensparrendämmung), wandert warme, feuchte Wohnraumluft durch die Konstruktion nach außen. Trifft diese Luft auf das kalte Reet, kondensiert sie. Da Reet aber oft schon von außen durch Regen feucht ist, kann diese zusätzliche Feuchtigkeit von innen nicht mehr abtrocknen. Das Reet beginnt zu faulen, die Lebensdauer sinkt von 40 Jahren auf unter 10 Jahre.
Die 3 goldenen Regeln für die Reet-Dämmung:
- Konsequente Hinterlüftung: Zwischen der Dämmung und dem Reet muss zwingend ein Luftspalt von mind. 6–8 cm eingehalten werden, in dem die Luft zirkulieren kann (Traufe-First-Lüftung).
- Die perfekte Dampfbremse: Innen muss eine absolut luftdichte Ebene geschaffen werden. Hier empfehlen sich feuchtevariable Dampfbremsen, die im Sommer eine Rücktrocknung nach innen erlauben. Kleinste Löcher in der Folie führen zu punktuellem Feuchteeintrag und massiven Schäden (“Konvektionsschäden”).
- Diffusionsoffene Dämmstoffe: Verwenden Sie keine diffusionsdichten Materialien wie Styropor (EPS). Mineralwolle, Holzfaser oder Zellulose (bei korrekter Ausführung) sind vorzuziehen, da sie Feuchtigkeit puffern können.
Brandschutz als Zusatzhürde
Bei der Dämmung darf der Brandschutz nicht vernachlässigt werden (Stichwort: F30/F90 Anforderungen). Oft ist eine innenseitige Beplankung mit speziellen Feuerschutzplatten (z.B. Gipsfaser oder spezielle Brandschutzbauplatten) unter der Dämmung notwendig, um im Brandfall den Durchbrand zum Reet zu verzögern. Dies muss frühzeitig mit dem Bauamt abgestimmt werden.
4. Fördermittel-Dschungel: IB.SH vergessen
Wer nur auf die Bundesmittel (BAFA/KfW) schaut, verschenkt in Schleswig-Holstein bares Geld. Ein klassischer Fehler ist das Übersehen der Landesförderungen.
Die Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) bietet oft ergänzende Programme wie das „IB.SH Energieeffizienzdarlehen“ oder Zuschüsse im Rahmen der „Klimaschutz-Förderrichtlinie“. Wichtig auch hier: Der Antrag muss – genau wie beim Bund – vor Vertragsunterzeichnung gestellt werden.
Offizielle Anträge und Infos finden Sie bei der IB.SH (Investitionsbank Schleswig-Holstein) sowie den Bundesbehörden BAFA.
Erfahrungsberichte: Wenn die Sanierung scheitert
Fall 1: Die feuchte Einblasdämmung in Kiel
Objekt: Siedlungshaus (Bj. 1960) mit Rotklinker.
Fehler: Der Eigentümer beauftragte eine günstige Einblasdämmung ohne vorherige Fassadenprüfung. Die Verfugung des Klinkers war jedoch porös.
Folge: Der erste Herbststurm drückte Wasser durch die Fugen in die Dämmung. Das Material sackte zusammen, die Innenwände wurden klamm. Die gesamte Dämmung musste aufwendig abgesaugt und die Fassade neu verfugt werden.
Fall 2: Das „erstickte“ Reetdach auf Eiderstedt
Objekt: Historischer Haubarg, saniert 2018.
Fehler: Vollsparrendämmung bis direkt an das Reet, Verzicht auf Hinterlüftungsebene, unsauber verklebte Dampfbremse.
Folge: Bereits nach vier Wintern zeigten sich von außen dunkle Senken im Dach. Eine Probeöffnung ergab: Die untere Reetschicht war komplett verpilzt und nass. Die Feuchtigkeit aus dem Wohnraum kondensierte im Reet, das durch die fehlende Hinterlüftung nicht trocknen konnte. Schaden: ca. 85.000 Euro für eine komplette Neueindeckung.
Die Rolle der professionellen Energieberatung
Gerade bei den speziellen Bauweisen im Norden (Zweischaliges Mauerwerk, Reet, Holzständerbauweise) ist eine „Schema-F“-Sanierung gefährlich. Ein zertifizierter Energieberater erstellt einen individuellen Sanierungsfahrplan (iSFP) und prüft, welche Landesmittel der IB.SH mit Bundesmitteln kombinierbar sind.
Finden Sie qualifizierte Experten direkt bei uns: Energieberatung & Planung.
FAQ: Sanieren in Schleswig-Holstein
Absolut. Photovoltaik liefert auch bei diffuser Strahlung (Bewölkung) Strom. Zudem ist die Küstenregion windreich, was die Module kühlt und deren Effizienz im Vergleich zu heißen süddeutschen Standorten oft sogar steigert („Kühl-Effekt“). Wichtig ist jedoch eine sturmsichere Montage.
Ja, aber nur mit einem diffusionsberechneten Konzept. Eine Aufsparrendämmung ist meist technisch nicht möglich. Üblich ist die Zwischensparrendämmung mit zwingender Hinterlüftung. Experimente ohne Fachplaner führen fast immer zum Verlust des Daches.
Prüfen Sie immer die aktuellen Programme der IB.SH (Investitionsbank). Oft gibt es zinsverbilligte Darlehen für Eigentümer, die im Grundbuch in Schleswig-Holstein stehen. Diese sind teils an strengere Effizienzhaus-Standards geknüpft als die reinen BAFA-Einzelmaßnahmen.